vok:tabulatur

Die Geschichte der Tabulatur geht bis ins späte Mittelalter zurück; sie war „lange die Benennung der musikalischen Zeichen überhaupt, nach denen ein Stück gespielet werden konnte“.1) Nachdem sich die Notenschrift allgemein durchsetzte, wurde sie wenig benutzt, doch seit dem Aufkommen der Ukulele-Musik im frühen 20. Jh. dient sie heute vor allem der Wiedergabe (Notation) von Musik für Saiteninstrumente, bei der die Noten als Ziffern oder Buchstaben in einem rechtwinkligen System dargestellt werden. Dabei repräsentieren waagerechte Linien die Saiten und senkrechte Linien die Bünde des Instruments. Akkorde werden übereinander geschrieben. Die Länge einer Note wird durch Notenhälse mit Fähnchen und Punkten angegeben. Das Medium, auf das dies alles aufgeschrieben wurde, hieß tabula (Tafel), daher der Name Tabulatur.

ASCII-Tabulatur

Die digitale Version dieser Tabulatur (ASCII-Tabulatur) ersetzt Linien durch Minuszeichen und Töne durch Ziffern; die Zahl der Minusstriche zwischen den Noten bestimmt den Rhythmus (wobei eine genaue Tonlängenangabe allerdings nicht möglich ist).
ASCII-Tabulatur für Happy Birthday to You
xA|-----0---3-2-|-----0---5-3-|-----10-7---2-0-|-8-8-7-3-5-3--|
xE|-----0-------|-----1-------|-----0------1---|-----0-----0--|
xC|-----0-------|-----0-------|-----0------0---|-----0-----0--|
xG|-0-0-0-0-----|-0-0-2-0-----|-0-0-0----5-0---|-----0-----0--|

(Quelle: Uketabs)

Sonderzeichen

Kritik

"Sinnvoll für rückläufige Instrumente"

Der Musikpädagoge Randy Dary bemerkt:

I did not think much of tablature before the Ukulele, but in playing the traditionally-tuned instrument, with what is called „re-entrant“ tuning, I did finally see how tablature does make sense in that special case. Trying to write for that weirdly-placed high G string is easier with tablature.

Dary weist allerdings auch darauf hin, daß die formgerechte Tabulatur in der Praxis mit der häufig gleichfalls, aber fälschlich als TAB bezeichneten, einfachen Akkordnotation über dem Liedtext verwechselt wird.

"Infantil"

Der Kulturphilosoph Theodor W. Adorno nannte Tabulaturen 1938 „sonderbare Diagramme“, welche Musik für die durch die Unterhaltungskultur „regredierten“ Hörer auf „eine Art musikalischer Kindersprache“ reduzierten:2)

Sie beziehen sich auf Guitarre, Ukulele und Banjo – ebenso wie die Ziehharmonika der Tangos, verglichen mit dem Klavier, infantile Instrumente – und sind Spielern zugedacht, die nicht die Noten lesen können.

Freilich unterschlägt Adorno dabei die jahrhundertelange Tradition musikalischer Tabulaturen.

Geschichte

Versuche, Musik schriftlich festzuhalten (Notationen), sind entweder phonetisch (arbeiten also mit Buchstaben, Ziffern, Wörtern usw.) oder graphisch, in der Sprache der Musikwissenschaft: diastematisch3) (d.h., die Abstände in Höhe und Dauer zwischen Klängen werden graphisch versinnbildlicht).4) Ob eine Notation dazu dient, die Aufführung einer bestimmten Klangfolge verbindlich und präzise zu regeln, oder ob sie dazu dient, die Aufführung technisch überhaupt erst zu ermöglich, ist dabei zunächst völlig unabhängig vom Notationssystem.

Für das geläufigste europäische Saiteninstrument, die Laute, entstanden im 15. Jh. verschiedene Arten von Tabulaturen. Dabei stellten die horizontalen Linien jeweils eine Saite dar, auf die Zahlen oder Buchstaben geschrieben wurden, die für vertikale darauf ruhenden Bünde standen, die man greifen sollte. Elemente, mit denen die Finger der Anschlaghand bzw. die Art des Anschlags bezeichnet wurden, kamen hinzu. Die Tabulatur ist also eine Griffschrift, die in erster Linie die Spielpraxis erleichtern soll. Vgl. Akkordblatt und Leitblatt. Drei weitere Gründe trugen zu ihrer Verbreitung bei: Daß bei Zupfinstrumenten die Dauer eines Tones ohnehin schwer zu kontrollieren und damit eine präzise Notation überflüssig oder sogar unmöglich ist; daß Tabulatur in Handschriften weniger Platz benötigt; und daß sie viel leichter zu drucken war.5) Die gängige Praxis, polyphone Musik für Soto-Laute neu zu arrangieren und als Tabulatur zu drucken, wurde als Intabulation bezeichnet.6)

Im 16. Jh. entstand in Deutschland die Orgeltabulatur, bei der die einzelnen Orgelstimmen als Zeichen übereinander geschrieben wurden, wodurch man viel Platz sparen konnte, was das Spielen erleichterte. Mitte des 16. Jhs. kamen auch Tabulatur-Systeme für Zither und Gitarre auf, die beide zunächst vier Saiten besaßen. Im 20. Jh. trat die Ukulelen-Tabulatur hinzu, an der sich das Prinzip der Tabulatur in Vollendung präsentiert:

Die Pop-Notation des 20. Jahrhunderts für Ukulele ist auch eine grafische Tabulatur, die für den ungeübten Spieler den gleichen Vorteil bietet. Das Gitter, das für jeden Akkord erscheint, ist buchstäblich ein Bild vom Griffbrett bis zum 4. Bund, und die Punkte zeigen die Positionen der Finger. Die Bünde (die aus Metall sind) sind durch die horizontalen Linien dargestellt. Solange also nur die ersten vier Bünde benötigt werden, ist diese Notation direkter als jedes System, bei dem die Bünde nummeriert oder beschriftet werden müssen.7)
The twentieth-century 'pop' notation for ukelele is also a graphic tablature, with the same sort of advantage to the unskilled player. The grid which appears for each chord is literally a picture of the fingerboard up to the 4th fret, and the dots show the positions of the fingers. The frets (which are of metal) are shown by the horizontal lines. As long as only the first four frets are needed, therefore, this notation is a more direct one than any system requiring numbering or lettering of the frets.8)
111.jpg
Lautentabulatur Ms. Danzig 4022, Bl. 4 (1622)9)

Rechtliches

Wertet man die Tabulatur eines im übrigen in Notenschrift veröffentlichten Werkes als spielpraktische Einrichtung (schließlich ist es ihr Hauptziel, ein Musikstück auf einem bestimmten Instrument spielbar zu machen), stellt sich die Frage, ob sie urheberrechtlich (als Bearbeitung) geschützt ist oder ob es sich um eine (möglicherweise strafbare) Kopie handelt. Nach US-amerikanischem Recht stellt die Veröffentlichung von Tabulaturen oder Akkordblättern für erzieherische oder wissenschaftliche Zwecke fair use (Angemessene Verwendung) im Sinne des Urheberrechts dar, i.B., weil sie keinen wirtschaftlichen Schaden anrichtet und weil die Zustimmung der Urheberrechtsinhaber grundsätzlich vermutet werden kann.10)

Verweise

Literatur

  • Richard Rastall: The Notation of Western Music. An Introduction. J.M. Dent & Sons: London, Melbourne, Toronto 1983

1) Johann Georg Sulzer; Johann Abraham Peter Schulz; Johann Philipp Kirnberger: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 4, Weidmann 1794, S. 489
2) Theodor W. Adorno: „Über den Fetischscharakter in der Musik.“ In: Zeitschrift für Sozialforschung Jg. 7 (1938), S. 321-356, hier S. 345
3) diastéma = „Abstand“.
4) Rastall 1983, S. 1
5) Esses, Maurice: Dance and Instrumental Diferencias in Spain During the 17th and Early 18th Centuries: History and background, music and dance. Pendragon Press 1992, 75
6) Robert Anthony Green: „Tablature“. In: Murray Steib (ed.): Reader's Guide to Music: History, Theory and Criticism. Routledge 2013
7) Rastall 1983, S. 171
8) Rastall 1983, S. 171
10) Jocelyn Kempema: „Imitation Is the Sincerest Form of … Infringement?: Guitar Tabs, Fair Use, and the Internet.“ 49 William & Mary Law Review 2265 (2008), http://scholarship.law.wm.edu/wmlr/vol49/iss6/8